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25 Jahre bbv

Anspruchsvolle Seilschaften

Wenn IT-Projekte aus dem Ruder laufen, sind die Gründe komplex. Zu unterschiedlich sind die Menschen, zu unklar die Anforderungen und Vorstellungen. Manchmal gibt es aber auch ein glückliches Zusammentreffen verschiedenster Umstände – und alles sieht plötzlich ganz einfach aus.

08.10.2020Text: bbv0 Kommentare
bbv & Garaventa
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Der damalige bbv-Projektleiter und Software Engineer Alan Ettlin übt sich in Understatement: «Ich hatte keine Ahnung.» Ueli Sutter, Projektleiter beim Seilbahnbauer Garaventa, grinst. «Stimmt.» So war das damals, vor zehn Jahren, als Garaventa einen Anbieter suchte, der eine neue Software zur Seil­berechnung entwickeln sollte. Diese Software ist das Kernstück aller nachfolgenden Arbeiten und letztlich auch die Grundlage zum Bau der Anlage. Aber: Seilberechnungen sind hochkomplex. Gondeln, Stahlseile, Stützen, die Topografie und äussere Einflüsse wie Wind, Eis und Temperaturen wollen berücksichtigt und zueinander in Relation gesetzt werden. 

Eintauchen in die Materie

Ueli Sutter ist ein strenger Auftraggeber. Halbe Sachen mag er nicht, Leerlauf ist ihm ein Gräuel. Seine Bedingungen vor dem ersten Gespräch waren klar: Er wollte nicht nur mit einem Verkäufer reden – «der durfte dabei sein, jemand musste ja den Kaffee holen» –, sondern mit dem ausführenden Projektleiter. «Ich wollte herausfinden, ob er inhaltlich mitkommt. Von Seilbahnen musste er erst mal nichts verstehen, aber vom theoretischen Konzept.» Die beiden hielten sich beim ersten Treffen nicht lange mit Höflichkeiten auf: Man war sofort beim Du und schnell standen Ueli und Alan vor einem Flipchart, vertieft in die komplexe Materie. Für Ueli Sutter war klar: «Ich musste wissen, was er kann und ab wann er nur noch Bahnhof versteht.» Eine Testsituation. Wo verlässt den Software Engineer das Verständnis? Sutter lacht: «Der Bahnhof kam nicht, im Gegenteil. Am Schluss stellte Alan Fragen, bei denen sogar ich passen musste.» Alan Ettlin hatte eben doch Ahnung, zumindest das mathematische Rüstzeug war exzellent, er hatte früher unter anderem Simulationen für Starrkörperdynamik berechnet.

«Ich wollte heraus­finden, ob er inhaltlich mitkommt. Von Seilbahnen musste er erst mal nichts verstehen, aber vom theore­tischen Konzept.»

Ueli Sutter, Garaventa

Garaventa AG

Die Garaventa AG ist ein Schweizer Unternehmen mit Hauptsitz in Rotkreuz und mit Zweigniederlassungen in Goldau, Uetendorf und Sion. Das Unternehmen ist der Schweizer Teil der Doppelmayr/Garaventa Gruppe und hat sich als Kompetenzzentrum mit internationaler Ausstrahlung für Pendelbahn-, Standseilbahn-, Materialseilbahn- und anspruchsvolle Seilzugarbeiten etabliert. Garaventa ist ver­antwortlich für sämtliche Seilbahnprojekte der Doppelmayr/Garaventa Gruppe in der Schweiz. Alle Funktionen und Kompetenzen für die Spezialbahnen werden der Gruppe von der Schweiz aus weltweit zur Verfügung gestellt. In der Schweiz beschäftigt Garaventa rund 380 Mitarbeitende.

 

Ungetrübte Zusammenarbeit

Heute, zehn Jahre später, sitzen die beiden im Betriebsraum einer der aufregendsten und spektakulärsten Bahnen, die Garaventa je gebaut hat: die Standseilbahn Stoos in der Innerschweiz. Unfassbar steil, kühn in den Berg gebaut, einzigartig mit ihren vier drehbaren Passagierkabinen, berechnet mit der Software von bbv. Noch immer arbeiten die beiden intensiv zusammen. Und fast noch spektakulärer als die Stoosbahn: Alan Ettlin und Ueli Sutter blicken auf eine ungetrübte Zusammenarbeit zurück. Kein Streit ums Geld, keine Diskussionen um Termine und Pflichtenhefte. Keine Zerwürfnisse, die auch mal vor der Geschäftsleitung landen. Wie ist das möglich?

Da wäre erst mal das Zwischenmenschliche: Die beiden auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Typen – hier der Software Engineer mit den weichen Händen und der Aktentasche, da der Ingenieur, Typ Bergler in währschaften Kleidern – verstanden sich auf Anhieb perfekt. Verbindendes Element ist heute noch die Leidenschaft für das Komplexe, das Schwierige, die Faszination, auch mal die Grenzen des Machbaren auszutesten. Und der Wille, sich den Spass daran nicht durch kleinliche Streitereien verderben zu lassen. Und dann war da noch die grundsätzliche Einigkeit über die Methode, mit der das ambitiöse Projekt vorangetrieben werden sollte. «Wir haben schon vor zehn Jahren mit Scrum gearbeitet», so Alan Ettlin. «Etwas anderes als die agile Entwicklung der Software wäre für uns gar nicht infrage gekommen», bestätigt Ueli Sutter. «Wasserfall funktioniert in unserem Umfeld nicht.»

Haben sich auf Anhieb gut verstanden: Alan Ettlin (l.) und Ueli Sutter.

 

Gute Kooperation der Teams

Die Politik der kleinen Projektschritte hatte diverse Vorteile: Einerseits war die Entwicklung der Software so auch für das stark belastete Team von Garaventa machbar. Alle beteiligten Ingenieure hatten auch andere Seilbahnprojekte, die sie nicht einfach liegen lassen konnten. Das bbv-Projekt war eher eine Randerscheinung, was es aber nicht weniger wichtig und dringlich machte. Ausserdem wollte man sich bei Garaventa zumindest zu Beginn eine Exit-Möglichkeit offenhalten. «Wir hatten nach jedem Projektschritt die Möglichkeit, die Zusammenarbeit zu beenden, falls wir nicht zufrieden waren», so Sutter. Das bbv-Team arbeitete in den ersten Monaten dauernd mit einem Damo­kles-schwert über dem Kopf. «Das stimmt schon – auf dem Papier. Aber es hat sich nie so angefühlt», so die lakonische Antwort von Alan Ettlin.

Die Projektleiter sind Kommunikatoren

Nach dem Grund braucht man nicht allzu lange zu suchen: Neben der agilen Methode waren sich Sutter und Ettlin auch einig, wie die Kommunikation abzulaufen hatte – praktisch exklusiv über sie beide. «Wir sind die Trichter, über die alles läuft», so Ueli Sutter. Er und Alan Ettlin bezeichnen es als «Glücksfall», dass die Kommunikation zwischen ihnen beiden so reibungslos funktioniert. Missverständnisse? Fehlanzeige! Auch nach längerem, angestrengtem Nachdenken können sie sich nicht an Konflikte erinnern, die auf die Kommunikation zurückzuführen sind. Streng genommen kommen ihnen überhaupt keine Konflikte in den Sinn. «Wir haben Unklarheiten immer gleich und unaufgeregt bereinigt, ohne persönlich zu werden», erinnert sich Alan Ettlin. Workshops und Teamsitzungen fanden immer im Beisein der beiden Projektleiter statt. «So merkten wir sehr schnell, wenn zwei aneinander vorbeiredeten, und konnten intervenieren», meint Sutter.

Klare Strukturen dürften ebenfalls einen Beitrag zur reibungslosen Zusammenarbeit sein. Alan Ettlin versteht sich als Dienstleister im besten Sinne des Wortes. Er nahm seinem Auftraggeber Ueli Sutter wo immer möglich Arbeit ab: «Alan bekam unsere Anforderungen und formulierte diese so, dass sie sofort von seinen Engineers verstanden wurden. Diese Übersetzungsarbeit war eine Riesenerleichterung für mich.» Umgekehrt schirmte Sutter das bbv-Team sehr stark vor firmeninternen Diskussionen bei Garaventa ab: «Ueli hat ein perfektes Stakeholder-Management betrieben, wir waren nie in allfällige interne Strategiediskussionen bei Garaventa involviert», betont Ettlin. Worauf Ueli Sutter sofort abwiegelt: «Ich hatte immer die grösstmögliche Unterstützung der Geschäftsleitung. Und: Ich bin für das Projekt verantwortlich und es gibt nebst dem Kernteam niemanden, der mir dreinredet.» Was die Situation natürlich nachhaltig entspannt.

Hohe Softwarequalität

So richtig spannend wird ein IT-Projekt aber erst, wenn die neue Software zeigen muss, was sie kann. Oft werden Fehler erst im Laufe der Anwendung gefunden. Was bei einer Seilbahnberechnungs-Software nicht erwünscht ist: Fehler können sehr teure Folgen haben, im schlimmsten Fall kann sogar die Seilbahn als System nicht funktionieren. «Wir gingen davon aus, dass eine Software immer Fehler hat. Wir mussten uns sehr früh damit beschäftigen, wie wir mit dieser Thematik umgehen», so Ueli Sutter. Massgebend waren die Tragweite und die Grösse des Fehlers. Um möglichst schnell fehlerfrei zu sein, wurde immer die alte, bewährte Software als Vergleichswert beigezogen. Zudem wird jede Ausführungsberechnung durch externe Sachverständige geprüft und den zuständigen Behörden vorgelegt. bbv ihrerseits baute eine Testsuite auf, in der anhand bereits existierender Bahnen Kontrollberechnungen durchgeführt wurden. Dies bei jeder Änderung der Software. «Wir lassen die Berechnungen laufen und vergleichen das Resultat mit jenen der bestehenden Software. So erkennen wir sehr schnell, ob das Resultat korrekt ist», erläutert Ettlin. «Ausserdem schauen sich die Ingenieure von Garaventa unsere Berechnungen sehr genau an. Da gibt es eine unglaublich hohe Kompetenz. Diese Leute sehen sofort, wenn etwas nicht stimmt.» Alles in allem stimmen aber beide Projektleiter überein: Die bbv-Software war schon zu Beginn von einer verblüffend hohen Qualität.

«Bei Garaventa gibt es eine hohe Kompetenz. Die sehen sofort, wenn etwas nicht stimmt.»

Alan Ettlin, bbv

 

Mit gegenseitigem Respekt

Alan Ettlins Statement zum Können der Garaventa-­Ingenieure ist bezeichnend für das letzte Puzzleteil, das es für die reibungslose Zusammenarbeit braucht: gegenseitigen Respekt. Das lässt sich weder organisieren noch vorschreiben, sondern ist eine reine Einstellungssache. Auch wenn man vielleicht das Heu nicht unbedingt auf der gleichen Bühne hat: «Als ich das erste Mal im bbv-Büro stand, die Töggelikästen und die Schokolade auf den Tischen sah, da fragte ich mich schon einen Moment: Hey, was läuft?», erinnert sich Ueli Sutter lachend. Kein Vergleich mit seinem Unternehmen, wo die Mitarbeiter bei Wind und Schnee am Hang stehen und eine Seilbahn bauen. Ueli Sutter wäre aber nicht der begnadete Kommunikator, der er ist, wenn er nicht mit einem schönen Bild an einem Vortrag vor den Mitarbeitenden der bbv aufgeschlagen wäre: «Ich brachte eine grosse Schraube mit von einer Seilbahn, mehrere Kilo schwer. Und forderte dann die Engineers auf, mir die grösste Schraube zu bringen, die sie an ihrem PC finden. Sie war winzig. Aber, so meine Schlussfolgerung: Wir reden gemeinsam von Schrauben. Egal, wie gross.»

Der Ansatz, nach jedem Software-Sprint aussteigen zu können, wurde schon längst fallen gelassen. Kurz vor Weihnachten kam der Entscheid, die mittlerweile zehnjährige Software wieder intensiver weiterzuentwickeln. Ein schöner Auftrag für bbv. Aber vor allem zur Freude der beiden «Kumpel»  – so Ueli Sutter zu ihrem Verhältnis –, dass sie weiter­hin zusammenarbeiten dürfen.

Der Experte

Alan Ettlin

Alan Ettlin ist, neben seinem Engagement bei bbv Consultancy, Business Area Manager bei bbv Software Services und betreut in dieser Funktion Kunden von ersten Ideen hin zu erfolgreich eingeführter Software mit gemeinsam entwickelten Lösungsansätzen – ganz im Sinne von «Making Visions Work».

Fotos: Thomas Egli

 

Den Text „Anspruchsvolle Seilschaften“ und weitere inspirierende Artikel zu 25 Jahre Geschichte, Highlights sowie zur Zukunft der bbv finden Sie im bbv-Jubiläumsmagazin. Das Heft ist in digitaler Form auf Deutsch und Englisch verfügbar.

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